Mediation – Ein Weg zur christlichen Streitschlichtung

Autor: Ralf Bittner*

Der deutsche Gesetzgeber hat die Mediation im neuen Mediationsgesetz als Streitschlichtungsmodell der gerichtlichen Streitentscheidung vorangestellt. In Zukunft werden also mehr als bisher gerichtliche Streitigkeiten außergerichtlich geklärt.

Der Autor* dieses Artikels befasst sich mit der Frage, was eine Mediation ist und wie sie abläuft. Er sieht Parallelen der Mediation zu einer Streitschlichtung im christlichen Miteinander. Jesus Christus war der ideale Mediator, wie er mit seinem Leben und vielen Gleichnissen beweist. Denken Sie beispielsweise nur an das Gleichnis vom verlorenen Sohn, in dem der Vater dem daheim fleißig gebliebenen, angesichts des Festes für den Bruder enttäuschten zweiten Sohn empfiehlt mitzufeiern; der verlorene Sohn und Bruder, der seinen Erbteil verschwendete, wird im Interesse der Familie wieder aufgenommen. Das Gleichnis bleibt nach Jesus offen. Doch kein Zweifel auch den Bruder wird die Rückkehr und positive Aufnahme seines verlorenen Geschwisters seitens der Familie erleichtern – eine gelungene Mediation!

Das Neue Testament setzt im ersten Brief des Paulus an die Korinther mit den ethischen Fragen einer streitigen Auseinandersetzung, also eines gerichtlichen Verfahrens im Gegensatz zur christlichen Mediation auseinander:

1 Kor 6,1-3:

Wage es einer von euch, der einen Rechtsstreit mit einem anderen hat, sein Recht bei den Ungerechten zu suchen und nicht bei den Heiligen? Wisst ihr etwa nicht, dass die Heiligen die Welt richten werden? Und wenn durch euch die Welt gerichtet wird, seid ihr dann nicht gut genug für die geringfügigsten Rechtshändel? Wisst ihr nicht, dass wir über Engel richten werden – wieviel mehr über Alltägliches?

1 Kor 6,5-9:

Zur Beschämung sage ich euch folgendes: So ist unter euch kein Weiser, der in der Lage wäre, zwischen seinem Bruder und einem anderen Bruder zu entscheiden? Stattdessen prozessiert ein Bruder mit dem anderen Bruder – und das vor Ungläubigen?! Es ist überhaupt schon eine Niederlage für euch, dass ihr Prozesse gegeneinander führt. Warum lasst ihr euch nicht lieber Unrecht zufügen? Warum lasst ihr euch nicht lieber übervorteilen? Stattdessen tut ihr Unrecht und übervorteilt – und das unter Brüdern! Oder wisst ihr nicht, dass Ungerechte Gottes Reich nicht erben werden?

Was hat das alles mit Mediation zu tun?

Mediation (Vermittlung) ist ein strukturiertes freiwilliges Verfahren zur konstruktiven Beilegung eines Konfliktes. Die Konfliktparteien – Medianden genannt – wollen mit Unterstützung einer dritten „allparteilichen“ Person, dem Mediator, zu einer gemeinsamen Vereinbarung gelangen, die ihren Bedürfnissen und Interessen entspricht. Der Mediator trifft dabei aber keine eigenen Entscheidungen bezüglich des Konflikts, sondern ist lediglich für das Verfahren verantwortlich. Die Parteien selber finden ihre gemeinsamen Interessen und einen Weg die Zukunft friedlich und gemeinsam zu gestalten. Der Mediator hilft, die Interessen und Bedürfnisse herauszuschälen und die emotionalen von den sachlichen Fragen zu trennen, um die Medianden so weit zu führen, dass sie ihre gemeinsamen Interessen selber entscheiden können Anders als der Richter bei einem gerichtlichen Streit oder vor einer Schlichtungsstelle entscheidet der Mediator also keine Sach- oder Rechtsfragen. Vielmehr hilft er den Parteien, die Angelegenheit entsprechend ihren Bedürfnissen selber im gemeinsamen Zukunftsinteresse in die Hand zu nehmen. Die Mediation ist anders als das öffentliche Gerichtsverfahren nicht öffentlich, eignet sich also besonders für Parteien, die ihre Sache nicht in aller Öffentlichkeit sondern still im heilsamen Einvernehmen abwickeln wollen. Sie hilft den Parteien sich auf das gemeinsame Wohl zu bescheiden. Damit sind vielfach Lösungen möglich, die den Interessen und Bedürfnissen der Parteien viel besser gerecht werden, als ein autoritärer Richter- oder Schlichterspruch.

Dies entspricht der Forderung Paulus´ im ersten Korintherbrief 6: Paulus befasst sich in den oben zitierten Sätzen mit dem Thema „Rechtsstreitigkeiten“. Der Leser gewinnt den Eindruck, als wolle Paulus die Gemeindeglieder ermutigen und ermahnen, nicht zu streiten, auch wenn leiden von Unrecht die Folge sein sollte. Die korinthischen Christen sollen sich nicht zu sicher fühlen. Denn trotz ihrer Taufe würden sie danach das Himmelreich nicht erben, wenn sie prozessieren. Wer streite, diene nicht Gott, sondern Götzen. Dabei kann es sich um andere Götter handeln, beispielsweise materiellen Besitz, Ansehen u. ä. Für diejenigen, die für das Gottesreich bestimmt sind, hätten Eigentum und materielle Güter aber keine Bedeutung, so dass sie untereinander Streit schlichten und für den Frieden möglicherweise freiwillig Übervorteilung in Kauf nehmen sollten. Das Durchsetzen des eigenen Rechts und des eigenen Vorteils ist in Paulus’ Augen für die Heiden charakteristisch. Dort sind logisch dementsprechend auch Gerichte einzurichten und Richter einsetzen. Aus Sichtweise des Paulus glauben Heiden nicht an den stellvertretenden Sündentod Jesu Christi. Folglich erben sie nicht das Reich Gottes, haben also am Ende ihrer Tage nicht das Heil im Reich Gottes zu erwarten. Paulus mahnt die Christen, sich den Heiden nicht gleich zu machen, sonst werde es ihnen gleich ergehen. Es stellt sich die Frage, warum Paulus den Prozess in ein so schlechtes Licht stellt und stattdessen die außergerichtliche Schlichtung befürwortet.

Ein Streit ist ein Ereignis von christlichen, moralischen, emotionalen und die Allgemeinheit betreffenden Dimensionen. Einen Streit vor Gericht auszutragen, fördert die Ichbezogenheit der streitenden Parteien. Sie überträgt dem Richter die Verantwortung, die Differenzen zu klären und den Knoten mit einem Urteil zu trennen. Damit zerschlägt das Gericht die Gemeinsamkeiten. Der Richter trifft seine Entscheidung alleinverantwortlich aus seiner zentralen Stellung als staatliche Gewalt im Sinne der Gewaltenteilung nach Montesquieu. Die die Beziehung „heilende“ Schlichtung fördert dagegen das göttliche "Wir“, die gemeinsamen Interessen. Paulus lehnt Prozesse zwischen Christen generell ab. Seine Formulierung macht das deutlich: Es ist schon schlimm genug, dass Christen untereinander Rechtsstreitigkeiten austragen; schlimmer noch sei jedoch, dass dies vor Ungläubigen, also in aller Öffentlichkeit geschieht. Wer die Presse verfolgt, weiß, was gemeint ist. Wenn die korinthischen Gemeindeglieder gegeneinander Prozesse führen, ist dies nach Ansicht von Paulus an sich schon eine Niederlage. Wie ist Paulus zu verstehen? Auch wenn ein Gemeindemitglied den Prozess vor dem irdischen Gericht gewinnt, ist dies eine Niederlage, ein Nachteil für das Gemeindeleben. Prägen Prozesse das Gemeindeleben, ist es weniger von Liebe als von Streitigkeiten getragen. Rechts-streitigkeiten führen zu psychischen Belastungen der Streitenden. Daneben hat Paulus ihr individuelles Befinden im Blick. Jedenfalls geht es ihm um das Verhältnis zwischen den „Brüdern und Schwestern“ in der Gemeinde. Vom nicht-christlichen Standpunkt aus gesehen ist es ein Fehler der Christen, um des Friedens willen auf den Frieden zu verzichten und sich übervorteilen und um ihr Recht berauben zu lassen.

Genau genommen ist die Mediation die einzige Möglichkeit, dem „Auge um Auge“- Prinzip des „wie du mir, so ich dir“, das sich im Unfrieden hochschaukelt, zu durchbrechen. Auffällig ist auch, dass Paulus nicht hinsichtlich der Motivation unterscheidet, aus welchem Grund der Kläger vor Gericht zieht. Für Paulus tut grundsätzlich Unrecht, wer prozessiert und seinen nächsten so übervorteilt. Denn jeder, der vor Gericht zieht, um sein eigenes Recht und seinen eigenen Vorteil – ob berechtigt oder unberechtigt – zu sichern, tut dies ausschließlich im eigenen Interesse. Das Recht, die Bedürfnisse und Interessen sowie der Vorteil des „Bruders“ und der „Schwester“ geraten dem Kläger auf Kosten des Friedens aus dem Blickfeld. Prozessparteien tun nach Paulus das Gegenteil von dem, was eigentlich christlich ist und das, obwohl sie Christen sind!

Was können wir daraus für unseren Alltag mitnehmen?

Der Gesetzgeber hat mit dem Mediationsgesetz einen Weg vorgegeben, der eine am gemeinsamen Interesse orientierte heilende Lösung im gegenseitigen Miteinander der Medianden ermöglicht. Vorteile des Verfahrens sind neben der schnellen Abwicklung gegenüber den oft jahrelangen Prozessen vor den staatlichen öffentlichen Gerichten:

• Das Mediationsverfahren entspricht dem christlichen Gedanken der Nächstenliebe

• Die Medianden wahren oder gewinnen ein gemeinsames persönliches Verhältnis

• Es gibt keine Verlierer – beide Medianden gewinnen

• Einigungen für die Zukunft

• Einigungen über den konkreten Streitstoff hinaus

• Die Interessen bleiben vertraulich, werden nicht öffentlich

• Höhere Akzeptanz der von den Medianden eigenverantwortlich gefundenen Lösung

• Oft Kostenreduktion für alle Beteiligten

*Der Autor Ralf Bittner ist Rechtsanwaltsmediator in Frechen-Königsdorf und Rechtsanwalt in Köln. Für weitere Informationen steht er gerne zur Verfügung. Weitere Informationen zu Ralf Bittner finden Sie hier.